Aktuell

Freitag, 10. Juli 2020

Die Machtdemonstation von Herisau

Nach der 10:2 Ohrfeige waren die Gesichtsausdrücke so blass wie ein 1960 noch moderner übergrosser grauer Sakko. Niedergeschmettert wie ein Bräutigam, den die Braut an seinem angeblich schönsten Tag seines Lebens vor dem Altar hat stehen lassen. Derart niedergeschlagen schlichen die Lagerkids nach dem Abpfiff des stets souveränen Schiedsrichter Rogger vom Feld Richtung Duschbrausen. Denn ihre Hochzeit hatten andere gefeiert: Das FVT Leiterteam.

Die Recherche für die Einordnung der Dominanz des FVT Leiterteams, welche bereits knapp 2 Dekaden seit 2004 anhält, führt uns bis in die Republik Vanuatu zum Tafea F.C. Mit 15 Meisterschaften der vanuatuischen Port Vila Football League in Folge halten sie den aktuellen Serien-Meisterschaftsrekord. Wäre der Leitermatch eine offiziell anerkannte Saison, müsste auch der Tafea-Trainerstaff rund um Erfolgstrainer Moise Poida neidlos die Serienanerkennung ins Luzerner Hinterland verschiffen.  Wer mehr über diesen finanziell nicht immer über alle Zweifel erhabenen Club erfahren will, sollte sich unbedingt das folgende Gebastelvideo anschauen – fasziniert und verstört zu gleichen Teilen: https://www.youtube.com/watch?v=E7zbRVc4y9I
 
Die wir ja aber kein historisches Sportarchiv, sondern eine pulsierende Berichterstattungsinstitution sind, leiten wir gerne über in die direkte Spielvorbereitung. Nach der emotionalen und durch eine tolle Kids-Nummer geprägte Verabschiedung vom langjährigen Salz und Pfeffer Dompteur Josef JJ Jans erreichten uns wie alle Jahre die messerscharfen Botschaften aus der Heimat. Das Medium für die Motivationszeilen waren diesmal nicht Briefeule oder Flaschenpost, sondern ein würziges WhatsApp, welche sich sehr gut mit folgendem Texthappen beschreiben lassen: «Es ist wieder Donnerstagabend und Leitermatch, das Spiel der Spiele, wo es nicht um Punkte, sondern um Ehre für das restliche Leben geht.»

Im Kader der Lagerkids wurden die Hoffnungen ganz klar in die Füsse von Mark Büchli. Ein seit Jahren als zuvorkommender und als grosses Beweglichkeitstalent bekannter Junge, welche dank seiner Begabungen auch einen FCL-Weg hätte einschlagen können. Schlussendlich fiel der Entscheid aber zu Gunsten der STV Handballriege, was seinem Fussballtalent aber keineswegs negativ zu Gesicht steht. Alle waren gespannt, inwiefern er dem Spiel der Spiele seine Mark(ierung) aufdrücken würde.

Pünktlich um 20.00 fanden sich die Gladiatoren auf der Ebnet Fussballanlage ein. Sie ist architektonisch sehr gut mit der Münchner Allianz Arena vergleichbar, nur dass sie schön ist und nicht wie ein zerplatzter Kaugummiautomat aussieht.

Man nannte sie Lücke

Nach dem fundierten Einlaufsprozedere, welches vom Anstrengungsslevel für einige Leiter noch nicht ganz auf Schwimmbad-Blackout-Stufe streng war, aber doch für ein kleines Mötzlen sorgte, startete der FVT Match 2020. Das Leiterteam entschied sich für die taktische Ausrichtung des gesprinkelten Tannebaums. Dieser zeichnet sich durch eine kompakte Tannenbaumraute aus, um die Stabilität im Spielaufbau und der weiterfolgenden Angriffsauslösung zu gewährleisten. Der Sprinkleraspekt trägt der Umstand Rechnung, dass Leiterkolleginnen und -kollegen zwar sehr sympathisch und top-sportlich sind, aber taktisch eher nach dem «uh der ball, greng abe u seckle, fuess ineha, ou ech mage nöm zrogg seckle» Fahrplan unterwegs sind. Trapatoni würde eine Flaschenfloskel rausnehmen, so schlimm wollen wir es aber natürlich machen. Denn die Leitertaktik führte zum Erfolg. Und zwar zum gnadenlosen, diskussionslosen 10:2.

Die Taktik der Lagerkids kann ohne wenn und aber als einziges Lückenkonstrukt betitelt werden. Mark Büchli machte seine Sache grundsätzlich nicht schlecht, fühlte sich aber wahrscheinlich wie in einer Jassrunde, bei welcher der Partner nach 3.5 Stunden den Unterschied zwischen Anziehen und Verwerfen zwar vorgibt zu kennen, in der Jassrealität jedoch 500 Mal die gleichen Böcke passieren. Alle meinen es zwar gut, aber es klappt hinten und vorne nicht. Wären da nicht die beiden Sekundenschläfe von Chregi Chranz und Weltmeister Lars Limacher (mit vorangegangenem Törli…) gewesen, wäre es nicht zu den 2 Büchli-Toren und dann sicher auch zu keinem einzigen Torschuss gekommen. So wurden die 2x25 Minuten für die jeweils 8 Feldspieler zu einer Machtdemonstration sondergleichen.

Dem FVT Team kam es sicher zu Gute, dass bereits nach 12 Sekunden der an diesem Traumabend glänzend aufgelegte Luca Peter den ersten der insgesamt 1231 Fehler der Lagerkids beim ersten Torschuss gleich in die Maschen zimmerte. War sicher für die Fans der Lagerkids und das Team selber ein gänzlich schlechter Start. Gefolgt von einem lupenreinen Kegelbahnjubel. Wenige Minuten später testete Phippu Marti bei seinem 102 km/h 2:0 die Rissfestigkeit des Netzes am Torgestänge. Vorausgegangen war wieder der Umstand, dass die Lagerkids etwas mehr Zeit in die eine taktische Grundordnung hätten investieren sollen. Denn ihr Raumverständnis war leider wirklich so unkompakt wie die Ortsraumplanung des Nevada Kleinstadt Jigg. Zum dritten Streich setzte dann Lagerneuling Petra Bieri an, indem sie die Verwirrung der Kids wie beim Sichten eines Eisbärs am Strand von Sansibader gnadenlos ausnützte und das 3:0 markierte. Das 4:0 des auf und neben dem Platz immer polyvalent einsetzbaren Luca Tolusso stellte dann den einer der deutlichsten Wasserstandsmeldungen der letzten Leitermatchjahre dar. Da man beim Leitermatch nicht wirklich von Spiel zu Spiel denken kann, sondern perfekt auf den Punkt abliefern muss, war die Luft bei den Kids in der Halbzeit schon so draussen wie bei einer Hüpfburg, die an einem Sportfest von einer Horde hüpfendender nagelschuhtragenden 800-Meter Läuferinnen besprungen wird.

Und es ging direkt im gleichen Stil weiter, wie auch die erste Hälfte angefangen hatte. Luca Peter setzte sich mit seiner geschätzten Schneepflugtaktik (also nicht wirklich Technik, aber stets sehr erfolgreich. So in etwa wie Zeitgenosse Thomas Müller aus dem zerplatzten Kaugummiautomat zu München). Für den sechsten Streich setzte dann das neue Redaktionsjuwel Ramon Marti an. Er dribbelte sich durch zahlreiche Kinderbeine, Robbenmässig in die Mitte und dann trocken wie Sagmehl ins untere Eck verwandelt. Und dann kam das für alle erlösende Nicht-Anschluss-aber-Ehrentor durch den weiterhin tapfer kämpfenden Mark Büchli. Er liess seine Klasse auch in sehenswerten Kombinationen mit Leon Schacher aufblitzen. Und konnte dann von einem, ja – wie soll man dem politisch korrekt sagen – «Verstolperer aufgrund rapid ändernden Windverhältnissen» von Chregi Cranz profitieren und souverän zum 1:6 einschieben. Vorweggenommen war dann auch sein zweiter Mark(ierter) Treffer an diesem Abend FVT-Fehler-basiert und einem noch nie gesehenen Verdrippler vom sonst zu 120% graziell und souveränen Lars Limi Limacher geschuldet. Wer nach dem 1:6 jedoch nur kurz von einem kleinen Hoffnungsschimmer gezehrt hatte, wurde wieder von Phippu Marti trockeneistrocken mit dem 7:1 auf dem Boden der Realität zurückgeholt. Das 8. Tor war dann dem zukünftigen Hauptleiter Jan Peter vorbehalten, welcher getrieben durch den unbändigen Torwillen durchmarschierte und gekonnt flach am Kids Torhüter Nils Amrein einschieben konnte. Nils Pfusi Amrein Junior fungierte neben 2,3 wirklich sensationellen Paraden oft von seiner Hintermannschaft komplett im Stich gelassen wie ein Kaffeeerntemitarbeiter in der guatemaltekischen Hochebene, welcher sich alle 2 Meter wieder bücken muss. Dieser bekommt am Ende mit der leckeren Kaffeebohne wenigstens ein tolles Endresultat, was man von den Lagerkids leider wirklich nicht behaupten kann. Entsprechend unzufrieden war er auch mit seinen Vorderleuten. Wenn Töte blicken könnten, hätten die Kids wahrscheinlich zu zweit fertiggespielt. Nach dem 9:2 und dritten Streich von Luca Peter folgte dann noch das Fussballschach-Highlight des Abends. Nach 5 Minuten ununterbrochenem Ballbesitz und einer traumhaften Angriffsauslösung via Diagonalball legte Sari Wiprächtiger gekonnt via Direktabnahme für Jasmin Bürli auf, welche traumhaft zum Endstand von 10:2 vollenden konnte

Für die FVT-Fangemeinde und den Mannschaftskader war das überdeutliche 10:2 eine grosse Bestätigung für die konstante Arbeit und zeigte klar auf, dass der Graben, der zwischen Kids und Leiter klafft, eher auf Grand Canyon- als auf Mühlibächli-Niveau ist. Und besonders für die abtretenden Leiter war dieser Erfolg ein wunderbarer FVT-Abschluss, den sie bestimmt mit einer flotten Fotogalerie in ihren Wohnzimmern verewigen werden.

Leiterteam - Lagerkids 10:2 (4:0) WM Stadion Ebnet. – BAG-konforme Zuschauer. – SR Rogger. –  Tore: 1:0 Luca Peter 2:0 Philipp Marti 3:0 Petra Bieri 4:0 Luca Tolusso 5:0 Luca Peter 6:0 Ramon Marti 6:1 Mark Büchli 7:1 Philipp Marti 8:1 Jan Peter 8:2 Mark Büchli 9:2 Luca Peter 10:2 Jasmin Bürli.