Aktuell

Freitag, 16. Juli 2021

Das Oktakel von Herisau

8:1. Ja, richtig gelesen. 8:1. Was wie eine Verhältnisgleichung von H2O und Lauge für eine Seifenblasenlösung aussieht, ist aber bitterste Leitermatch-Realität. Mit einer Acht-Tore-Machtdemonstration fegt das wie ein losgelassener Torero-Stier unbändige FVT-Leiter-Leader-Team die Jungspunde vom Ebneter Dreifach-Turnhallenplatz. Ein Verdikt so glasklar wie der Panorama-Rundblick auf dem Aussichtspunkt eines Fünftausenders. So glasklar wie von Meister Proper geputzte Fensterscheiben. Und beim Opponenten hängen nach dem Schlusspfiff von Herr Unparteiisch Christoph Chregi Cranz die Köpfe wie bei verdursteten Valentinstagsrosen. Trotz mutigem Mitspiel-Versuch bleiben nach dem Einbahn-Fussballfurioso nur leere Blicke.

So findet die seit 2004 anhaltende Sieges-Serie auch heuer ihre Fortsetzung. Die Schlagzeilen im Schweizer Presse-Urwald sind von zerstörerischen Dimensionen: „FVT-Walze überfährt Kinder-Lückenkonstrukt“ / „Oktakel-Helden bodigen Debakel-Truppe“ / „Wetteralarm: FVT-Sturm auf Tornado-Stufe wütet in Herisau“. Der Eintrag in die Annalen sind aber keineswegs von historischem Ausmass. Vor Jahresfrist verloren die Davids gegen die Goliaths genauso diskussionslos und sang- und klanglos mit 10:2.

Aufgrund der konstant schlechten Laune der Wettergeister konnte der Leitermatch nicht wie gewohnt auf dem durch Platzwart Heri sauber gepflegten Naturrasen in der Ebneter Fussballarena angepfiffen werden, sondern musste wegen Flut-Gefahr in die Dreifachturnhalle verschifft werden. Dass sich diese Begebenheiten durchaus als heikel hätte darstellen können, zeigt ein Rückblick in vergangene Hallen-Endspiele, wo die Entscheidung zugunsten der Altmeister erst im Nervenflatter-Penaltydrama gefallen ist. Dass die Sache deshalb nicht auf die leichte Schulter genommen werden kann, zumal es auch keinen Henkelpott, dafür aber Ruhm und Ehre bis zum Lebensende zu gewinnen oder eben verlieren gibt, zeigt auch ein Motivationsgedicht eines in Willisau gebliebenen FVT-Anhängers, das mit klarer Wortwahl für die poetische Dopingspritze sorgt.

So, genug der komplizierten Worte, rein ins Vergnügen: Keine fünf Zeigerumdrehungen hatte es gebraucht, bis der Dezibel-Sensor bereits in die Höhe jagte und der sauber einstudierte und eingeübte Bowling-Jubel ein erstes Mal zum Besten gegeben wurde. Hauptleiter Jan Peter (Pan) übernahm von Beginn weg Verantwortung und pfefferte beim Freistoss die Kugel unter die Querlatte. Kaum wieder angepfiffen, zimmerte Bruder und Stossstürmer Luca Peter einen Gewaltschuss mit der bananigen Flugkurve eines Boom-erangs in die Maschen. Torjubel Nummer Zwei ist für die am Lago di Herisau ansässigen Zuschauer eine Augenweide: Der Torschütze zückt die imaginäre Angelrute und fischt seine Zitterfisch-Kameraden aus dem Herisee.

Die zwei frühen Gegentreffer entsprachen mitnichten den Matchplänen der Kids. Allerdings lässt sich auch anno 2021 wieder einmal feststellen, dass die ein oder andere in eine Taktik-Schulung und einen Verteidigungs-Crashkurs investierte Minute sicherlich nicht fehl am Platz gewesen wäre. So ist es von Beginn weg Einbahnstrassenfussball, mit ein paar wenigen notwendigen und prachtvollen Interventionen von Star-Goalie Basil „The Wall“ Heller, von dem ein gewisser Manuel Neuer den ein oder anderen Trick abgeschaut hat. Und auch wenn der VAR aus Volketschwyl die dritte FVT-Prachtskiste durch Philipp Marti annulliert, offenbaren die Kids von Beginn weg ihre Mühen in der auf dem Matchblatt so betitelten aber in Wirklichkeit nicht existenten Defensive. Und nur kurze Zeit später klingelt es schon wieder: Luca „Lulu“ Tolusso haut das Runde nach einer Augenweiden-Tiki-Taka-Passstafette ins Eckige. Torwart Pfusi Amrein Junior muss bereits zum dritten Mal die Rückenmuskulatur beim Rausfischen des Balles aus dem Tornetz in Anspruch nehmen und verwirft verständlicherweise die Hände in Richtung Vorderleute. Eine Verteidigungskette ist nicht auszumachen, der Emmentaler Käse beschreibt das Löcherkonstrukt schon eher. Und noch vor dem Pausentee degradiert Redaktions-Tastaturklimperer Ramon Marti-Zenhäusern mit seinem Sahne-Dribbling die Gegner zu Slalomstangen und schiebt das Leder zwischen drei Beinpaaren hindurch zum bereits vorentscheidenden 4:0-Pausenresultat.

Die ersten dreiundzwanzigeinhalb Spielminuten war eine Machtdemonstration sondergleichen. Nach Belieben dominierten die FVTler – hat übrigens nichts mit einer politischen Partei zu tun – das Spielgeschehen, bei den Jungen ist nicht viel im Spiel geschehen. Auch die weiblichen Vertreterinnen wussten im 3:1:2-Sanduhrsystem mit nadelstichpräzisen Tacklings und pfeilbogenschnellen Konter absolut zu überzeugen und trugen dazu bei, dass sich die Anderthalber Welle um Welle über sich ergehen lassen mussten. Des Einen Spektakel ist aber des Andern Debakel. Ein taktisches System war bei den Herausforderern, dessen Durchschnitts-Körpergrösse maximal auf Bauchnabelhöhe der Profikicker anzusiedeln ist, beim besten Willen nicht auszumachen. Das Free-Style-Schema wirkte ähnlich orientierungslos wie etwa ein magnetloser Kompass oder Schlitzaugen-Paparazzi-Touristen ohne Navigationssystem.

Durchgang Zwei setzte nahtlos wie ein selbstgeschneidertes Hochzeitskleid an die Glanzvorstellung vor dem Halbzeitkaffee an. Ungefähr dreieinhalb Augenblinzler vergingen bis zum zweiten Treffer von Ex-Internationale Luca Haris Peterovic, dem Mann aus der Grundmühle. Wie aus dem Nichts kommt die Kids-Truppe schliesslich zum Anschlusstreffer in persona von Leo Messi Riechsteiner, der das Spielgerät nach lehrbuchmässigem Barça-Kombinationsspiel unhaltbar in die rechte obere Torecke drescht. Erneut explodiert die Dezibel-Anzeige, der Herisauer Hexenkessel brodelt. Doch der zwischenzeitliche Lichtblick war eher von der Dauer eines Autobahn-Blitzers als von einer Strassenlaterne. Mann des Abends Luca Peterovic schnürt den Dreierpack zum 6:1 sorgt kurz vor Ende des „Oktakels von Herisau“ per Zlatan’sche Direktabnahme nach Bilderbuch-50-Meter-Pass von Sandro Aregger für den 8:1-Endstand. Dazwischen traf mit Chiara Kneubühler auch noch eine Neuleiterin beim Leitermatch-Einstand. Und das niederschmetternde Resultat hätte durchaus auch zweistellig ausfallen können, hatte die gegnerische Torlatte zusätzlich bei zwei Peter’schen und Marti’schen Aluminiumknallern in Erdbebenstärke 8,5 vibriert. Da wäre der Schlussmann, der im Laufe der Partie mehrmals gewechselt wurde, da einer nach dem anderen mit der Zeit Ohrendruck wegen ständigem Bücken und Ball-aus-dem-Netz-Fischen zu beklagen hatte, ebenfalls auf verlorenem P(f)osten gestanden.

So stand nach Schlusspfiff einmal mehr ein sonnenklarer, destruktiver und schonungsloser Spektakel-Sieg für das FVT-Leiterteam fest. Einmal mehr haben sie sich wieder für den konstanten Aufwand belohnt und dabei bewiesen, dass der zwischen dem Leiter- und Kids-Niveau corona-standardisierten 1,5-Meter-Sicherheitsabstand auch in solch wichtigen Angelegenheiten eingehalten wird. Die internationalen Anfragen werden sich nun im Sommer-Transferfenster nach dem gestiegenen Marktwert mit sicherer Sicherheit wieder anhäufen. Der Stern in der Hall of Fame, er wurde auch im Jugilager 2021 wieder an den FVT-Fussballhimmel gepflastert.


Leiterteam - Lagerkids 8:1 (4:0), WM 3-Hallen-Stadion Ebnet. – BAG-konforme Zuschauer. – SR Cranz. – Tore: 1:0 Jan Peter 2:0 Luca Peter 3:0 Luca Tolusso 4:0 Ramon Marti 5:0 Luca Peter 5:1 Leo Riechsteiner 6:1 Luca Peter 7:1 Chiara Kneubühler 8:1 Luca Peter.